Bindung stärken

  • Hallo ihr Lieben


    Niro ist ja im Gegensatz zu meinem vorherigen Hund Charlie nicht sehr "anhänglich". Charlie war immer sehr auf mich fixiert. Dies zeigte sich darin, dass er beim Spaziergang ständig geschaut hat, ob ich noch da bin. Wenn ich mich versteckt habe, ist in drei Sekunden Panik ausgebrochen und er hat mich sofort gesucht. Alleine lassen ging nicht, da hat er immer geheult und die Wohnung abgesucht. Wenn ich nur kurz weg war, hat er mich begrüsst als ob ich aus dem Krieg zurückgekommen bin. Keinen Raum konnte ich ohne seine Begleitung verlassen. Er hat oft meine Nähe gesucht, sich schon fast aufgedrängt. Jedes Kommando war schnell erlernt, da er einfach gefallen wollte. Das war immer das eine Extrem.
    Niro ist eher das Gegenteil. Er bleibt auf Spaziergängen immer in der Nähe, würde aber länger nicht bemerken, wenn ich nicht da bin. Wenn ich mich verstecke sucht er mich zwar, nimmt meine Gegenwart aber nur zur Kenntnis sobald er mich sieht und setzt die andere Tätigkeit fort (im Gegensatz zu Charlie, der mich freudig begrüsst hat). Wenn ich weg bin, legt er sich hin und schläft, auch mehrere Stunden lang. Er lässt sich nur schwer motivieren, auch nicht mit tollen Leckerlies, Spielzeug, kraulen, Lob etc.


    Eine Mischform aus den Beiden würde mich sehr glücklich machen, vor allem weil ich immer wieder in bestimmten Situationen bemerke, dass er mir nicht vollständig vertraut. So kann ich ihn nicht animieren auf eine erhöhte Fläche zu springen um ihn vom Pferd aus anzuleinen, weil er wohl auch dem Pferd nicht traut. Ich möchte ihm aber diese Sicherheit gerne vermitteln.

    Wenn ich ihn etwas energischer rufe, weil ich ihn in einer heiklen Situation anleinen will, bleibt er oft einfach stehen und schaut mich erschüttert an, kommt aber nicht.
    Wenn ich ihn Zuhause zu mir rufe und etwas machen will was er unangenehm findet (Krallen schneiden, Bürsten, Zecke entfernen) beschwichtigt er. Also er legt die Ohren an, macht sich klein, schmatzt usw. obwohl er damit nie eine schlechte Erfahrung gemacht hat.


    Es wäre einfach schön, einen etwas motivierteren, weniger unterwürfigen Hund aus ihm zu machen, da es für ihn ja bestimmt auch nicht immer sehr angenehm ist.
    Ich habe schon viele Artikel zum Thema Bindung/Beziehung gelesen und weiss grundsätzlich, was die Möglichkeiten sind. Aber ich würde gerne von euch hören, wie ihr die Bindung zu euren Hunden verbessert habt, bzw. was vielleicht bestimmte Situationen oder Massnahmen waren, die euch das Gefühl gegeben haben "Jetzt wird es besser".

    Ich bin auf eure Erfahrungen gespannt

  • Bei uns hat sich die Beziehung vor allem durch gemeinsames Erleben gestärkt. Also zusammen was tolles machen wie Futterbeutel schmeissen und suchen oder neue Tricks lernen. Auch das Üben von ansprechen auf dem Spaziergang hat sich sehr gelohnt. Nun schaut sie sich öfter nach mir um und ist im Kopf mehr bei mir. Und seit ich unangenehme Situationen für Milly möglichst vermeide, ist sie im Umgang mit mir generell entspannter. Klar lässt sich nicht jede stressige Situation umgehen, aber dann versuche ich das Ganze möglichst gut zu handeln.


    Ich würde an deiner Stelle gerade das Krallenschneiden, Bürsten usw. positiv verstärken. Dass er mit dir möglichst nur Positives verbindet und Vertrauen aufbauen kann. Und vielleicht findest du ja was, das er toll findet und ihr zusammen machen könnt, ob das apportieren, Suchspiele, Zugsport, Treibball oder sonst was ist. Einfach mal ausprobieren und schauen wie er sich verhält.

  • Das ist eben genau das Problem. Ich habe schon einiges probiert, also gerade das mit dem Futterbeutel, Leckerlies suchen, Agility im Garten, Tricks lernen usw.
    Aber es scheitert dabei bereits an der Motivation, weil er entweder schon gar nicht mitmachen will oder nach 2mal das Interesse verliert. Klassisches Beispiel mit dem Agility: Die erstem paarmal fand er es lustig, irgendwann blieb er dann nur noch vor dem Sprung stehen und hat sich nicht mehr gerührt, egal ob ich mit Leckerlie, Ball oder herumgehüpfe locken wollte. Oder den Futterbeutel lässt er nach zweimal holen auch einfach liegen und schnüffelt lieber herum.
    Deshalb war ich auch mal auf verzweifelter Suche nach dem ultimativen Leckerlie in der Hoffnung, dass er dann etwas freudiger mitmacht.
    Kann man irgendwie das Spielen attraktiver machen, also dass er es plötzlich doch gut findet?


    In unangenehmen Situationen nimmt er nichtmal Leckerlies entgegen, Spielzeuge werden einfach ausgeblendet. Also ich kann ihn gar nicht bestechen beim Bürsten oder so, weil er lieber da steht und es halt über sich ergehen lässt.

    Ich glaube Suchspiele würden am ehesten gehen, ich streue öfters mal Guddies und da ist er auch wirklich mit Eifer dabei. Vielleicht müsste ich das etwas ausbauen.

  • Unser Lennox ist auch eher unsicher und stirbt tausend Tode, wenn man ihm die Füsse im Kessel waschen will oder seine Krallen schneiden. Wenn etwas neben ihm zu Boden fällt, kippt er aus dem Fell. Auch körperliche Nähe meidet er, wenn sie von uns aus kommt. Er hat aber keine Probleme, sich mit ganzem Gewicht an einen zu schmeissen auf dem Sofa .... Er ist ein durchaus anhänglicher Hund, einfach auf seine Art und er hat keine schlechten Erlebnisse gehabt.


    Ich glaube, bei ihm hat es weniger mit Bindung als einfach seinem Charakter zu tun. Er IST so und ich muss einen Weg finden, damit klar zu kommen und es für ihn so zu handeln, dass es kein Problem ist. In seinem Kopf ist er so wahnsinnig sensibel, dass es manchmal nicht einfach ist und man dem immer irgendwie gerecht werden muss ohne ihn aber zu bemuttern oder zu bemitleiden. Mit gaaaaanz viel Ruhe und langsamen Aktionen kann man ihn etwas stabilisieren. Gerade z.B. in der Arbeit braucht es das, damit er nicht einerseits völlig hochknallt und andererseits aber auch nicht meidet oder aus dem Fell fällt. Es ist eine Gratwanderung und bedarf viel Verständnis und der Erkenntnis, dass er so ist wie er ist und man damit arbeit muss, was da ist und ihn nicht zu etwas machen kann, was er einfach nicht ist.

    Mein Mann hatte da sehr viel Mühe, das einzusehen und zu akzeptieren, dass sein mächtiger, grosser, eindrücklicher schwarzer Hund eben keine Kampfsau ist .... :P


    Bezüglich positiv bestärken und z.B. eben Krallen schneiden, Füsse waschen und so. Das ist sehr schwierig, wenn der Hund schon von vorneherein merkt, was läuft und in eine Meidehaltung geht. Was bestärke ich dann genau mit dem Gutzi? Vorallem, wenn ein Hund in dieser Situation gar kein Gutzi will? Ich habe mir angewöhnt, Dinge, die einfach sein müssen, einfach zu tun ... ohne tamtam, ohne schi-schi, ohne laut zu werden ... ich mache sie einfach. Wenn alles vorbei ist, sage ich ihm, dass er der Grösste ist, lobe und dann blüht er total auf, kriegt ein Gutzi und die Welt ist wieder in Ordnung ....

  • UIch habe mir angewöhnt, Dinge, die einfach sein müssen, einfach zu tun ... ohne tamtam, ohne schi-schi, ohne laut zu werden ... ich mache sie einfach. Wenn alles vorbei ist, sage ich ihm, dass er der Grösste ist, lobe und dann blüht er total auf, kriegt ein Gutzi und die Welt ist wieder in Ordnung ....

    Danke dir
    Ja genau so handhabe ich es aktuell auch. Er hat aus unerklärlichen Gründen sehr lange Nägel und diese wachsen auch relativ schnell. Deshalb ist es nicht zu vermeiden. Ich ignoriere halt einfach seine Reaktion und mache es möglichst schnell, danach gibt es immer etwas zum Kauen damit er entspannen kann.

  • Weisst du, was für Rassen bei Niro drin sind? Wenn er für Nasenarbeit zu begeistern ist, dann mach Nasenarbeit .... Mantrailing, SchaSu, Fährten ... irgendsowas.

    Nein, er ist eine rumänische Strassenmischung. Da ist wohl alles drin, was vier Beine hat.
    Ich kann lediglich von ein paar Verhaltensweisen sagen, in welche Richtung es gehen könnte. Er ist zum Beispiel Sichtjäger, was eigentlich weniger zur Nasenarbeit passt. Also er ist nicht extrem jagig, lässt sich auch abrufen wenn er mal geht. Aber er nimmt keine Wildfährten auf, sondern eben Vögel usw.
    Ich muss mal schauen, was sich alles ohne irgendwelche Kurse oder so machen kann, dazu besteht keine Möglichkeit.

  • Bezüglich positiv bestärken und z.B. eben Krallen schneiden, Füsse waschen und so. Das ist sehr schwierig, wenn der Hund schon von vorneherein merkt, was läuft und in eine Meidehaltung geht. Was bestärke ich dann genau mit dem Gutzi? Vorallem, wenn ein Hund in dieser Situation gar kein Gutzi will? Ich habe mir angewöhnt, Dinge, die einfach sein müssen, einfach zu tun ... ohne tamtam, ohne schi-schi, ohne laut zu werden ... ich mache sie einfach. Wenn alles vorbei ist, sage ich ihm, dass er der Grösste ist, lobe und dann blüht er total auf, kriegt ein Gutzi und die Welt ist wieder in Ordnung ....

    Es ist mittlerweile bewiesen, dass Guddeli in Angstsituationen richtig eingesetzt (kein Locken z. B.) nicht die Angst verstärken sondern einen positiven Impuls geben. Und man kann einen Hund ja auf ganz viele Arten belohnen, ob Körperkontakt, was zu knabbern, Suchspiel, Rennspiel usw. Ich würde damit anfangen eine Bürste in die Hand zu nehmen und was ganz anderes zu machen, um erst mal die Erwartungshaltung auf was negatives zu durchbrechen. Mit Bürste vor den TV setzen, sie durch den Raum tragen, sonst wo hinlegen und dann wieder holen und dann irgendwann den Hund positiv einbinden. Sonst gibt es auch noch das Medical Training. Einfach mal googeln und ein paar Beiträge lesen. Sowas kann den Alltag für Hund und Mensch sehr erleichtern. Vor allem wenn ein Hund schon beim Bürsten und Zecken entfernen ängstlich wird, was ja relativ oft gemacht werden muss.


    JessesGirl Betreffend Guddeli: Hast du es schon mal mit purem Fleisch versucht? Milly liebt das über alles. Wenn er es roh nicht verträgt einfach kurz anbraten. Das macht das Suchspiel bestimmt spannender. Oder vielleicht interessieren ihn Felldummys?

  • Wenn ich ihn Zuhause zu mir rufe und etwas machen will was er unangenehm findet (Krallen schneiden, Bürsten, Zecke entfernen) beschwichtigt er.


    Es wäre einfach schön, einen etwas motivierteren, weniger unterwürfigen Hund aus ihm zu machen, da es für ihn ja bestimmt auch nicht immer sehr angenehm ist.

    Wenn ich etwas für den Hund eher Unangenehmes machen will, rufe ich ihn nicht zu mir. Ich gehe zu ihm und mache einfach, wortlos, oder spreche während des Tuns ab und zu emotionslos ein paar Worte.


    Bist du sicher, dass es für ihn tatsächlich nicht angenehm ist, ein eher unmotivierter und unterwürfiger Hund zu sein?


    Und „vollständig vertrauen“: Dazu braucht es häufig fast ein ganzes Hundeleben lang.

  • ich würde ihn so nehmen wie er ist, fertig.

    Kalani ist auch eher in diese Richtung, ausser dass er durchaus sehr anhänglich ist (dafür halt einer selbständigen Rasse angehört). Er kann auf sitz! nicht aufrecht sitzen, er macht sich klein und zieht den Kopf ein als hätter er je dafür Strafe gekriegt. Wenn er keine Freude am Arbeiten zeigt - so braucht er es eben nicht. Ich sage mir, sonst hätte ich einen Arbeitshund holen müssen, wenn mir das wichtig wäre.


    Statt energisch zu rufen und die Unsicherheit zu verstärken würde ich in der Situation halt entweder umdrehen und wegrennen oder das warte! zuverlässig einüben, so dass er nur stehen zu bleiben braucht und dann du zu ihm gehst statt umgekehrt. Das Abrufen dann in einer ruhige Situation üben wenn du keinen Stress hast weil da wirklich was ist. Dann kannst du zu ihm gehen und ihn loben statt energisch rufen zu müssen.


    Charly war Charly und ich erinnere mich, dass das "nicht-allein-bleiben-können" schon ein Problem für dich war. Jetzt hast du einen Hund, der das kann und der zudem mit Fremden, wenn ich nicht irre, keine solchen Probs hat wie Charly.

    Ich freue mich über das was meine Hunde anbieten, was sie zeigen, können, wollen... und frage mich wenig was ev. noch nett wäre... Das gibt auch dem Hund Selbstvertrauen und gemeinsame Erlebniss, wie schon jemand geschrieben hat. Zeige ihm, dass er sich auf dich verlassen kann. Das braucht Zeit und kommt gerade wohl bei einem Hund der nicht als Welpe in guten Verhältnissen aufwuchs (oder weiss man das bei ihm?), der hat einfach ein Defizit bzw. braucht vielleicht etwas länger bis er vertraut.

    herzliche grüsse conny, jendayi und kalani mit nastassja und dawn im herzen

  • Bei Zelda brauchte es etwa 4 Jahre bis sie mir vertraute und wir mehr Bindung bzw. Vertrauen hatten.


    Sie ist ein anderer Typ Hund als du beschreibst. Es war nicht Unterwürfigkeit, eigentlich eher im Gegenteil. Sie konnte sich nie fallen lassen oder etwas abgeben. Ihr war nie wohl, wenn ich Entscheidungen traf die gegen ihre Meinung waren. Also jetzt nicht im Sinne von sie möchte links und ich rechts, sondern wenn eine Brücke ihr zu hoch/eng/gruselig war und ich da drüber wollte, kam nie irgend ein Vertrauen auf, sich auf mich zu verlassen.


    Mit ca. 4 Jährig wurde vieles besser.

    Ich lernte in der Zeit aber auch ein Zwischending zu wählen. Gekuschelt haben wir nie, so gern ich auch hätte. Dafür kam sie immer öfters freiwillig. Je öfters ich einfach wolang bin wo ich wollte ohne schlechtes Gewissen je besser lief es. Es war Zeit, die wir brauchten. Zeit einander zu Vertrauen und auf die Kompetenzen vom anderen zu bauen. Auch ich brauchte die ihr gegenüber.


    Viel passierte wirklich auch durch das nehmen wie sie ist

  • nein ich will ihn nicht ändern, sondern eben die Bindung stärken damit er bei oben genannten Situationen eben auf mich vertraut und sich nicht verkriecht.

    Charlies Verhalten war auch mühsam, deshalb schrieb ich ja "Mittelding". also dass er eben in einer hektischen Situation nicht einfach stehen bleibt, sondern trotzdem kommt. Wenn ich ihn dann auf ihn zu gehe, hüpft er oft ein paar Sätze davon und das will ich natürlich vermeiden, wenn ich ihn wegen einem Fahrrad o.ä. rufen möchte. dass ich ihn vom Pferd aus handeln kann und er weiss, dass ich die Situation und das Pferd im Griff habe.

    dass ich ihm neue Dinge beibringen kann und er da auch etwas mitmacht.

    er knurrt auch mal Menschen aus der Entfernung an, wenn sie ihm spanisch vorkommen. dort wäre es halt schön, wenn ihn ihn nicht mit einem Abbruchsignal unterbrechen müsste, sondern ihn für das richtige Verhalten auch belohnen könnte.


    Rohes Fleisch findet er genau so uninteressant wie andere Dinge auch.

  • Ehrlich gesagt denke ich, vieles davon kommt auch immer mehr mit der Zeit, je mehr man sich einspielt, durch ruhige, rituelle Wiederholung.


    Selbst mit Mairin dauerste es durch die und nach der Pubertät eine Weile, bis wir wirklich "ein Team" waren, und ich hatte sie ja von Welpe an und sie war ein verfressener, verspielter Hund, der sehr einfach zu belohnen war. Bei Nyell sehe ich, dass vieles einfach nicht so 100 % so ist, wie ich das gern hätte - sie ist halt auch "nur" mein Gottihund, und ich glaube, vieles davon ist schon auch wegen "Bindung", "Vertrauen", "einander blind verstehen" - und manches ist einfach Charakterfrage.


    Wie auch immer - wenn die traditionellen Belohungen Futter und Spiel bei ihm nicht ziehen, gibt es Dinge, die er von sich aus gern tut, die du als Belohnung einsetzen kannst? Stichtwort bedürfnisorientiertes Belohnen / Selbstbelohnung / Umweltbelohnung? Oder Premack-Prinzip (belohnen mit gern gezeigtem Verhalten)?

    It's a dog's inalienable right to get dirty.

  • Ich denk das ist einfach etwas was Zeit braucht. Da gibt es kein „mach X damit die Bindung/Beziehung etc besser wird“. Gemeinsam verbrachte Zeit, gemeinsame Erlebnisse, klare Kommunikation deinerseits, sichere Führung etc etc alles Faktoren sie das Begünstigen.


    Und dann gibt es einfach Charaktere die sich nicht sehr eng an andere Binden oder dafür viel mehr Zeit brauchen. Ich bin so ein Mensch, bis ich vertrauen in jemanden habe vergehen mitunter Jahre ... da kann das Gegenüber an sich nichts aktiv zu beisteuern.


    Wenn er so empfindlich gegenüber deiner Stimmlage ist, könntest du eventuell ne Pfeiffe aufbauen?

    Grüsse Nathalie mit


    Tarek, Tervueren, 12.11.2014

    Unique, Malinois, 18.05.2018
    Und Whyona im Herzen 20.06.2002 - 03.04.2017

  • Wie auch immer - wenn die traditionellen Belohungen Futter und Spiel bei ihm nicht ziehen, gibt es Dinge, die er von sich aus gern tut, die du als Belohnung einsetzen kannst? Stichtwort bedürfnisorientiertes Belohnen / Selbstbelohnung / Umweltbelohnung? Oder Premack-Prinzip (belohnen mit gern gezeigtem Verhalten)?

    davon haben ich noch nie gehört, werde mich einmal darüber einlesen.


    Er ist wirklich ein absoluter Traumhund, hätte mir das nie so ausgemalt mit einem Hund, den man quasi aus dritter Hand hat. Daher wäre es grundsätzlich auch gar kein Problem, wenn diese Kleinigkeiten bleiben würden. Aber es würde einiges erleichtern, wenn ich die Bindung noch etwas stärken könnte

  • Unser erster Hund war ein Terriermix, der mit 1 Jahr zu uns kam. Wir haben ihn übernommen. Er hatte nie spielen mit Menschen gelernt und genauso wenig mit einem Mensch zusammen arbeiten und konnte und wollte das auch nicht. Ich hab wirklich alles probiert, was ihm Freude machen könnte, um ihn zu motivieren, aber Fehlanzeige! Und so, wie du Niro beschreibst, scheint er auch so ein Typ Hund zu sein... Zufrieden in deiner einigermassen Nähe zu schnüffeln und zu sein, aber damit ist es gut.

    Ich hab drei Jahre lang intensiv mit Luno gearbeitet und mein ganzes Repertoire quasi durchexerziert. Aber er war schlicht desinteressiert an Tricks, an gemeinsamem Spielen usw. was ich gut hinbekommen habe war ein zuverlässiger Gehorsam, das aber auf eine Art, wie ich es damals nur aus Unwissenheit tat und nicht wieder tun würde. Hörte er nicht, holte ich ihn sofort und er musste an die kurze Leine und es gab kein Schnüffeln (seine grosse Leidenschaft) mehr, da ich vollkommen konsequent bin, wusste er das natürlich schnell... wollte er in Ruhe schnüffeln, musste er hören, wenn ich rief und tat das nach einem halben Jahr wirklich super. Da er anfangs zu anderen Hunden abhaute und nicht mehr kam, musste er an die Schleppleine und auch da war ich eisern. Einmal abgehauen, war für den Rest des Spazis kurze Leine angesagt. Das hat auch der Terrierkopf begriffen... und die Sturheit abgelegt. Aber eben, er war für Belohnungen nicht zugänglich, da null Interesse, wie ich hätte belohnen können ausser Lob und auch da hatte ich das Gefühl, es interessiert ihn eigentlich nicht wirklich...

    Wenn ich nach Hause kam, lag er auf dem Sofa und hob kurz den Kopf. Kein an die Tür kommen zur Begrüssung... Wenn ihn aber die Tochter, die damals wenige Häuser weiter wohnte, hütete, haute er ihr ab und setzte sich bei uns vor die Haustür... Kam sie ihn aber abholen, lief er mit und war völlig zufrieden. Er wäre mit jedem mitgegangen. Er liess sich auch von jedem streicheln und fand alle Menschen nett. Oder zumindest die meisten.

    Kurzum, ich hatte ihn wahnsinnig gern, logisch, aber mir hat immer irgendwie etwas gefehlt. Die enge Bindung, die ich zu Skipper und jetzt zu Lady habe, hatte ich zu ihm nie.

    Eine Bindung aufbauen kann man mit gemeinsamen Spielen, Arbeiten usw. das weisst Du ja selbst. Aber der Hund muss ja auch mitmachen wollen.

  • Wenn er so empfindlich gegenüber deiner Stimmlage ist, könntest du eventuell ne Pfeiffe aufbauen?

    Hatte ich im Rahmen des Neuaufbaus vom Abruf schonmal probiert, bin aber nicht konsequent dabei geblieben, da es sich etwas hingezogen hat. Sollte ich aber wahrscheinlich nochmals versuchen

  • Grundsätzlich denke ich auch, dass Bindung Zeit braucht. Ich habe Yorik nun gute 4 Jahre bei mir, seit Welpe, und ich merke jetzt langsam, dass sowas wie "blind vertrauen" aufkommt, ansatzweise, in leisen Schritten. Manchmal merke ich auf einmal, dass sich etwas verändert hat, dass eine Tiefe da ist, die vorher noch nicht da war. Letztens habe ich mir grad überlegt, dass man wohl diese tiefe Bindung, die man sich wünscht, erst ab einem gewissen Alter des Hundes und einer Anzahl gemeinsamer Jahre erreichen kann. Ich hab das bei meinem Pferd gemerkt, als er 15+ war, auf einmal war dieses absolute Vertrauen da, dieses in- und auswendig kennen, nichts mehr in Frage stellen, keine offenen Fragen mehr, ohne wenn und aber ....

  • Für mich klingt Deine Beschreibung nicht nach Bindungsproblem, sondern nach Verhalten, das Du gerne anders hättest. Und so würde ich das auch angehen. ;-)


    Du schreibst, er sei sowohl mit Futter/Spiel/Anfassen/Lob "schwer zu motivieren". Was sind denn seine Hobbies? Leg mal eine Liste an von allem, was er gern macht. Inklusive Katze anstarren und Scheisse fressen oder was auch immer. DAS sind Belohnungen für ihn!


    Ansonsten:

    - Fixierung auf Dich: Blickkontakt und Orientierung belohnen.

    - Auf eine erhöhte Fläche springen, Pferd ist unheimlich: In kleine Schritte zerlegen, die beiden "Baustellen" separat angehen.

    - Energisches Rufen: Dieses gezielt mit ihm üben (damit ihn der Stress in Deiner Stimme nicht mehr verunsichert).

    - Krallen schneiden: Anfassen üben, Scherengeräusche üben, Berührungen mit der Schere üben, knack = Gutzi üben.

    etwas machen will was er unangenehm findet

    ...

    obwohl er damit nie eine schlechte Erfahrung gemacht hat.

    Finde den Fehler. :zwinker:


    Nebenbei - fast die ganze Aufzählung klingt für mich danach, dass ihm enger Körperkontakt unangenehm ist. Wir haben alle eine "Wohlfühl-Distanz" zu anderen Lebewesen. Jemand, der im Gespräch 20 cm vor Deinem Gesicht steht, ist Dir unangenehm, selbst wenn Du ihn gerne magst - Du wirst vermutlich ein paar Schritte rückwärts machen. Wer dazu 5 m Abstand hält, ist zu weit weg - Du wirst die Distanz verkürzen. Dieser innere und äussere Wohlfühl-Kreis ist a) von der Beziehung und b) von der Stimmung abhängig.


    Diese Wohlfühl-Distanz hat auch der Hund. Die wenigsten Hunde möchten total an ihrem Menschen kleben. Gerade bei Dingen wie Krallen schneiden unterschreitest Du diese Wohlfühl-Distanz - und missachtest seine Beschwichtigungsversuche und lässt ihn die Distanz nicht vergrössern...


    Die Lösung ist, das Unterschreiten der Wohlfühl-Distanz mit angenehmen Gefühlen zu konditionieren und gezielt zu üben. Ich möchte Dir da auch Medical Training ganz speziell ans Herz legen.

    Signaturen sind doof! Solche mit Banner erst recht! Aber wer sie nicht mag, hat sie ja ausgeschaltet...
    Also stelle ich für die anderen hier mein Banner hin - klick darauf, dann öffnet sich ein neues Fenster mit meiner genialen und ultivmativ tollen Homepage von globalem Interesse!


  • Ansonsten:

    - Fixierung auf Dich: Blickkontakt und Orientierung belohnen.

    - Auf eine erhöhte Fläche springen, Pferd ist unheimlich: In kleine Schritte zerlegen, die beiden "Baustellen" separat angehen.

    - Energisches Rufen: Dieses gezielt mit ihm üben (damit ihn der Stress in Deiner Stimme nicht mehr verunsichert).

    - Krallen schneiden: Anfassen üben, Scherengeräusche üben, Berührungen mit der Schere üben, knack = Gutzi üben.

    Das sind ja alles Dinge, die ich seit einem Jahr längst mache. Deshalb ist es für mich kein Erzeihungsproblem. Ich habe von Anfang an jeden Blick und jedes Kommen belohnt. Trotzdem findet er halt die Umgebung dann spannender als mich = Bindung
    Er springt ohne Pferd auf die Erhöhung, aber spätestens wenn es dabei ist gar nicht mehr. Nichtmal wenn ich neben dem Pferd stehe und ihn direkt animiere. Er vertraut mir in dem Moment nicht = Bindung
    Krallenschneiden und Kämmen ist so doof, dass ich ihn dabei nichtmal mit Guddies, reden, Spielzeug usw. zur Entspannung bringen kann. Also hat das für mich auch weniger mit Erziehung zu tun, wenn er sich so sehr unterwirft.


    Ich kann ihm übrigens auch die Ohren putzen, Zähne kontrollieren, Pfoten massieren usw. ohne dass er irgendwas macht, da bleibt er ruhig sitzen. Aber er findet wahrscheinlich einfach die Krallenzange unangenehem beim drücken und beim Kämmen dass es halt mal zupft.